Eine harmlose Frage — „Wann fahre ich am besten nach Bozen?“ — brachte den blinden Fleck meines Verkehrs-Sammlers ans Licht. Für die Mosel hatte ich die Antwort, für Bozen endete meine Abdeckung an der bayerischen Grenze, ausgerechnet vor dem stauanfälligen Teil. Ich habe die Brenner-Achse gezielt ergänzt — und dabei festgestellt, dass die Hälfte meiner neuen Punkte zunächst die falsche Straße maß. Der eigentliche Fortschritt war nicht das Hinzufügen von Punkten, sondern das System die richtige Straße selbst finden und eine Route nach ihrem schwächsten Glied bewerten zu lassen.
Eine harmlose Frage mit Folgen
Im letzten Teil ging es darum, wie aus einer Karte mit roten Punkten ein Archiv aus Millionen Verkehrszeilen wurde. Diesmal stellte ich dem System eine ganz konkrete Frage — die Art Frage, für die ich das Ganze überhaupt gebaut habe:
„Wann fahre ich als Motorradfahrer am besten zur Mosel — und wann nach Bozen?“
Für die Mosel kam prompt eine brauchbare Antwort. Für Bozen hätte das System fast geschwiegen — und genau dieses Fast-Schweigen war die interessanteste Erkenntnis des Tages. Denn es zwang mich, nicht drauflos zu rechnen, sondern erst eine andere Frage zu stellen.
Schritt 1: Reichen die Daten überhaupt?
Die Versuchung ist groß, sofort eine schöne Auswertung zu produzieren. Der erste und wichtigste Schritt war aber, nicht zu rechnen, sondern zu prüfen: Deckt mein Messnetz die Strecke überhaupt ab? Eine Auswertung über Lücken hinweg sieht professionell aus und ist trotzdem falsch.
Das Ergebnis war zweigeteilt:
- Mosel: voll abgedeckt. Sowohl die Zielregion in der Eifel als auch die Anfahrtsachsen lagen im Messnetz. Hier durfte ich rechnen.
- Bozen: Fehlanzeige. Mein südlichster Punkt auf der Brenner-Route lag bei Rosenheim — und von dort sind es noch rund 230 Kilometer bis Bozen, durch das Inntal, über den Brennerpass, hinunter ins Etschtal. Davon maß ich exakt nichts.
Das Bittere daran: Der abgedeckte Teil — die Autobahn von München bis Rosenheim — ist selten das Problem. Der stauanfällige Teil ist genau die Strecke, die ich nicht sah: das Inntaldreieck, die Grenze, der Brenner, die italienische Talautobahn. Ich hatte die ersten 25 Prozent der Strecke im Blick — und ausgerechnet den harmlosen Teil.
Schritt 2: Die Lücke genau benennen
Eine Lücke „irgendwo im Süden“ hilft nicht. Ich musste sie präzise beschreiben, bevor ich sie schließen konnte. Die Brenner-Route ist eine Kette aus vier Autobahnen über drei Länder: von der bayerischen A93 zur Grenze, über die österreichische Inntal- und Brennerautobahn, hinunter auf die italienische Talautobahn bis Bozen.
Die gute Nachricht: Die Datenquelle, die ich ohnehin nutze, liefert dieselben Live-Werte auch für Österreich und Italien. Es fehlte also keine Technik und kein neuer Zugang — es fehlten schlicht Koordinaten. Acht gut gewählte Punkte entlang der Achse, von der Grenze bis Bozen, würden die blinde Stelle schließen.
Schritt 3: Gezielt ergänzen, nicht alles
Ich hätte versucht sein können, halb Europa mit Messpunkten zu pflastern. Aber jeder Punkt kostet Abfragen aus einem begrenzten Tageskontingent — und jeder unnötige Punkt verwässert das Bild. Die Disziplin bestand darin, genau die Kette zu treffen, die die Frage beantwortet: die Schlüsselstellen vom Grenzübergang über den Pass bis zur Zielstadt. Nicht mehr, nicht weniger.
Acht Punkte, additiv eingefügt — am bestehenden Netz änderte sich nichts. Ab der nächsten Stunde sammelte das System auch die Brenner-Achse mit.
Schritt 4: Der Haken — die Koordinate trifft die falsche Straße
Hier wurde es lehrreich. Ich setzte acht Koordinaten auf die Autobahn, prüfte sie — und fünf von acht maßen die falsche Straße. Statt der Brennerautobahn trafen sie eine parallele Tal- oder Ortsstraße ein paar hundert Meter daneben.
Sichtbar wurde das nur, weil jeder Messwert eine Straßenklasse mitliefert — ein kleines Feld, das verrät, was die Koordinate tatsächlich getroffen hat: Autobahn-Hauptlauf, Bundesstraße, Ortsdurchfahrt. Ohne diesen Blick hätte ich wochenlang sauber aussehende Daten gesammelt — vom falschen Verkehr. Ein Stau auf einer Talstraße neben der Autobahn sagt über meine Tour nichts aus.
Statt nun von Hand mit Kartendiensten zu fummeln, habe ich das System die Arbeit machen lassen: Es tastet rund um jede ungenaue Stelle ein kleines Raster ab, fragt für jeden Testpunkt die Straßenklasse und die typische freie Geschwindigkeit ab — und wählt automatisch den Punkt, der eindeutig auf dem Autobahn-Hauptlauf liegt. Aus „ungefähr da“ wird so „genau auf der A22“. Diese Selbstkorrektur ist ein gutes Beispiel dafür, wie das System arbeitet: Es rät nicht, es misst und entscheidet anhand eines klaren Kriteriums.
Wie das System eine Route bewertet
Jetzt zum Kern — wie aus rohen Geschwindigkeitswerten eine Aussage über eine ganze Strecke wird. Zwei Bausteine.
Erstens der Stau-Faktor. Pro Messpunkt vergleicht das System die aktuelle Reisezeit mit der Reisezeit bei freier Fahrt. Ein Faktor von 1,0 heißt: rollt frei. 1,8 heißt: dauert 80 Prozent länger als ungestört. Das ist eine ehrlichere Zahl als die nackte Geschwindigkeit, weil sie die Strecke auf ihren eigenen Normalzustand bezieht — 80 km/h können auf der einen Stelle freie Fahrt und auf der anderen zäher Verkehr sein.
Zweitens die Engpass-Logik. Eine Route hat viele Punkte. Wie fasst man die zu einer Zahl zusammen? Nicht mit dem Durchschnitt — der würde einen einzelnen Stau glattbügeln. Sondern mit dem schlechtesten Wert über alle Punkte zu einem Zeitpunkt. Denn auf einer Tour bestimmt das schwächste Glied das Erlebnis. Steht es irgendwo, steht es für mich.
Aus beidem zusammen entsteht eine Matrix: für jeden Wochentag und jede Stunde der typische Engpass-Faktor der gewünschten Route. Genau das, was meine Ausgangsfrage braucht.
Was dabei herauskam
Für Bozen muss diese Matrix erst noch reifen — die Brenner-Punkte sammeln seit wenigen Tagen, und für eine belastbare Aussage über typische Reisetage brauche ich Wochen, nicht Tage. Aber für die Mosel, die längst im Netz war, ergab sich sofort ein klares Bild:
- Wochenende: nahezu ganztägig freie Fahrt.
- Werktags: zwei Stau-Wände — morgens 7 bis 9 Uhr und nachmittags 14 bis 18 Uhr.
Der eigentliche Aha-Moment steckte aber in der Engpass-Logik: Die heftigsten Werte kamen nicht aus dem Mosel-Revier selbst, sondern von den Anfahrts-Autobahnen rund um die Großstädte. Anders gesagt — was dich aufhält, ist die Anreise, nicht das Ziel. Eine Erkenntnis, die ich aus einer Durchschnittszahl nie bekommen hätte.
Die eigentliche Lektion
Daten zu sammeln ist heute der einfache Teil. Die Arbeit steckt woanders:
- Die richtige Frage zuerst: Nicht „was kann ich auswerten?“, sondern „reichen meine Daten für diese konkrete Frage?“ — und ehrlich Nein sagen, wenn nicht.
- Datenqualität vor Datenmenge: Acht Punkte am richtigen Ort schlagen achtzig am falschen. Und ein Messwert ist nur so gut wie die Straße, die er wirklich trifft.
- Das System entscheiden lassen, wo es ein klares Kriterium gibt: Die Straße per Raster selbst finden zu lassen ist nicht nur bequemer als manuelles Raten — es ist reproduzierbar und überträgt sich auf die nächste Route von selbst.
- Geduld: Manche Antworten muss man sich erwarten. Ein Messnetz wird mit der Zeit klüger, nicht mit dem nächsten Befehl.
Die nächste Frage steht schon: Sobald die Brenner-Achse genug Geschichte hat, bekommt Bozen dieselbe Matrix wie die Mosel — und ich erfahre endlich, wann das Inntal am Samstagmorgen wirklich frei ist. Bis dahin sammelt das System still vor sich hin. Genau dafür ist es gebaut.