Kurzfassung

Es gibt kein offizielles Bundesregister für Motorrad-Streckensperrungen in Deutschland. Wir haben fünf öffentliche Quellen systematisch verglichen: Keine davon ist vollständig, die Zahlen schwanken zwischen 9 und 31 Einträgen, und selbst die prominenteste Sperrung Deutschlands — die B307 am Sudelfeld — fehlt in zwei von drei Quellen. Ein Datenqualitäts-Audit mit konkreten Zahlen.

Das Problem: Wer Motorrad fährt, navigiert blind

Du planst eine Tour über den Kesselberg. Oder durch den Schwarzwald. Vielleicht über den Hahntennjoch. Und irgendwo auf der Strecke steht ein Schild: Motorrad verboten. Wochenendsperre. Saisonale Einschränkung. Einseitige Richtungssperre. Nachtfahrverbot.

Das ist ärgerlich — aber vermeidbar, wenn man vorher weiß, wo gesperrt ist. Nur: Woher weiß man das?

In Deutschland gibt es kein offizielles Bundesregister für Motorrad-Streckensperrungen. Kein Bundesverkehrsministerium pflegt eine zentrale Liste. Keine API liefert maschinenlesbare Daten. Stattdessen gibt es eine Handvoll Webseiten, die ehrenamtlich oder redaktionell Daten sammeln — jede für sich, jede mit eigener Methodik, jede mit eigenen Lücken.

Wir wollten wissen: Wie gut sind diese Quellen wirklich?

Die fünf Quellen im Test

Am 27. Mai 2026 haben wir die fünf wichtigsten öffentlich zugänglichen Datenquellen für Motorrad-Streckensperrungen in Deutschland systematisch erfasst und gegeneinander verglichen:

Quelle Typ Einträge (DE) Inkl. Österreich Maschinenlesbar
BVDM Verband (ehrenamtlich) 31 (4 aufgehoben) Nein Excel-Download
motorradundreisen.de Fachmagazin 21 Ja (6 AT) Nein (HTML)
motorcycles.news Online-Magazin 9 Ja (1 AT, 1 IT) Nein (HTML)
mintelonline.de Privatperson (ehrenamtlich) ~112 Waypoints Teilweise GPX + Excel
tourenfahrer.de Fachmagazin Karte (keine Liste) Teilweise Nein (interaktive Karte)

Schon hier fällt auf: Die Zahl der erfassten Sperrungen schwankt zwischen 9 und 112 — je nach Quelle. Aber das ist nur der Anfang.

Der Kreuzvergleich: Was fehlt wo?

Wir haben die drei Quellen mit konkreten Einzeleinträgen (BVDM, motorradundreisen.de, motorcycles.news) Strecke für Strecke verglichen. Ergebnis: Keine einzige Quelle ist vollständig.

Bayern — 7 Sperrungen, je nach Quelle 1 bis 3

Strecke BVDM motorradundreisen motorcycles.news
B11 Kesselberg
B307 Sudelfeld/Tatzelwurm
B22 Würgauer Berg
L2163 Hummeltal
Enderndorf-Spalt
St2387 Zimmern-Bieswang
B2 Eschenlohe

Das Ergebnis für Bayern ist bezeichnend: Nur der Kesselberg steht in allen drei Quellen. Die B307 Sudelfeld-Sperrung — die jedes Jahr Schlagzeilen macht und eine der meistdiskutierten Motorrad-Sperrungen Deutschlands ist — fehlt bei BVDM und motorradundreisen.de auf der Webseite. Drei weitere Sperrungen kennt nur jeweils eine der drei Quellen.

Baden-Württemberg — 5 Sperrungen, maximal 4 pro Quelle

Strecke BVDM motorradundreisen motorcycles.news
L124 Schauinsland
L440 Lochenpass
L1250 Neuffener Steige
K5311 Motodrom
Birkach-Zirken

NRW — 9 Sperrungen, maximal 6 pro Quelle

Strecke BVDM motorradundreisen motorcycles.news
L687 Rönkhausen
B236 Hochsauerland
B236 Schwerte
L128 Simmerath
L701 Hagen/Volemtal
K18 Wermelskirchen
B256 Waldbröl
B7 Gevelsberg
L685 Arnsberg

Die Zahlen auf einen Blick

Über alle Bundesländer hinweg haben wir mindestens 34 aktive Motorrad-Sperrungen in Deutschland identifiziert — durch das Zusammenführen aller Quellen. Aber:

Kennzahl Wert
Sperrungen in allen 3 Quellen 3 (Kesselberg, Schauinsland, L687)
Sperrungen in 2 von 3 Quellen 12
Sperrungen in nur 1 Quelle 19
Vollständigkeit BVDM 27 von 34 = 79 %
Vollständigkeit motorradundreisen.de 21 von 34 = 62 %
Vollständigkeit motorcycles.news 9 von 34 = 26 %

Keine einzige Quelle erreicht 80 % Abdeckung. Wer sich auf nur eine Quelle verlässt, übersieht im Schnitt ein Drittel aller Sperrungen.

Warum ist das so?

Die Ursache ist strukturell — kein Versagen der ehrenamtlichen Datensammler, sondern ein Systemfehler im deutschen Verwaltungsapparat:

  1. Föderalismus: Motorrad-Sperrungen werden von lokalen Straßenverkehrsbehörden per Verkehrszeichen-Anordnung nach §45 StVO erlassen. Es gibt über 400 zuständige Landkreise und kreisfreie Städte — jeder entscheidet autonom.
  2. Keine Meldepflicht: Kein Landkreis ist verpflichtet, Motorrad-Sperrungen an eine zentrale Stelle zu melden. Die Anordnungen liegen als Aktenvermerke in den Landratsämtern. Papier, nicht digital.
  3. Kein Datenstandard: Die Mobilithek des Bundesverkehrsministeriums sammelt Verkehrsdaten (Baustellen, Stau, Ladestationen) — aber keine fahrzeugklassenspezifischen Beschränkungen. DATEX II, seit April 2026 verpflichtend, kennt keine Kategorie für Motorrad-Fahrverbote.
  4. Bayern-Problem: Bayern ist das einzige für Motorradfahrer relevante Bundesland ohne Informationsfreiheitsgesetz. Selbst wer die Daten aktiv von den Behörden anfordern will, hat in Bayern kaum eine rechtliche Handhabe — außer über den Umweg des Umweltinformationsgesetzes bei lärmbedingten Sperrungen.

Das Ergebnis: Ehrenamtliche wie Christian Mintel (mintelonline.de) oder der BVDM füllen eine Lücke, die eigentlich der Staat füllen müsste. Aber selbst mit größtem Engagement können sie nicht flächendeckend sein — sie sind auf Meldungen aus der Community angewiesen, und diese kommen unregelmäßig.

Was das für Motorradfahrer bedeutet

Wer eine Tour plant und dabei Sperrungen vermeiden will, muss aktuell:

  • Mindestens drei verschiedene Quellen prüfen, um auf über 80 % Abdeckung zu kommen
  • Die Angaben manuell abgleichen, weil keine Quelle dasselbe Format nutzt
  • Im Zweifel trotzdem überrascht werden, weil Sperrungen existieren, die in keiner Quelle stehen

Für App-Entwickler ist die Lage noch schlechter: Es gibt keine API, keine maschinenlesbare Schnittstelle, keinen standardisierten Datenfeed. Wer Sperrungsdaten in eine Routenplanung integrieren will, muss Webseiten scrapen — und das ist urheberrechtlich problematisch.

Wie es besser gehen könnte

Die Fakten — welche Straße für Motorräder gesperrt ist — sind öffentliche Verwaltungsakte. Sie gehören niemandem. Aber die Aufbereitung und Pflege dieser Fakten ist eine Leistung, die aktuell niemand bezahlt und niemand koordiniert.

Was fehlt, ist eine zentrale, verifizierte, maschinenlesbare Datenbank, die:

  • Alle Sperrungen aus behördlichen Primärquellen erfasst (per Informationsfreiheitsgesetz)
  • Durch Community-Meldungen ergänzt und verifiziert wird
  • Als offene Daten publiziert wird — frei für alle
  • Als strukturierte API für App-Entwickler bereitsteht

Ein solches Projekt wäre kein Konkurrent zu mintelonline oder BVDM — es wäre eine Infrastrukturleistung, die allen nützt. Vergleichbar mit OpenStreetMap: Die Kartendaten sind frei, die darauf aufbauenden Services (Komoot, Kurviger, Calimoto) finanzieren sich durch Mehrwert.

Fazit: Die Daten sind da — nur nicht zusammen

Die gute Nachricht: Wenn man alle verfügbaren Quellen zusammenführt, kommt man auf eine brauchbare Datenbasis. Mindestens 34 aktive Sperrungen in Deutschland, dazu Tirol und Südtirol.

Die schlechte Nachricht: Keine einzelne Quelle liefert das. Und keine Quelle bietet die Daten in einem Format, das App-Entwickler direkt nutzen können.

Wir arbeiten an einer Lösung. Die ersten IFG-Anfragen an Landratsämter in Baden-Württemberg gehen im Juni 2026 raus. Über den Fortschritt berichten wir hier.

Transparenzhinweis: Dieser Artikel entstand im Rahmen der Entwicklung von Kurvenfokus, einer App für Motorrad-Tourenanalyse. Die genannten Quellen (BVDM, mintelonline.de, motorradundreisen.de, motorcycles.news, tourenfahrer.de) sind unabhängige Projekte, die wir nicht kommerziell bewerten. Alle Daten wurden am 27. Mai 2026 erhoben und können sich seither geändert haben.